Die Sätze, die bleiben.

von | Okt. 1, 2026 | Lebenszeichen, Psychische Gesundheit | 0 Kommentare

Es gibt Sätze, die werden gesagt und verschwinden wieder.

Und es gibt Sätze, die bleiben.

Manchmal erstaunlich lange.

Du bist zu empfindlich.

Du warst schon immer schwierig.

Du bist genau wie dein Vater.

Für so etwas bist du nicht gemacht.

Vielleicht wissen wir Jahre später nicht einmal mehr, wann ein solcher Satz zum ersten Mal gefallen ist.

Aber irgendwann klingt er nicht mehr wie etwas, das jemand einmal über uns gesagt hat.

Er klingt wie etwas, das wir über uns wissen.

Daran musste ich denken, als ich Der dunkle Fluss von Chigozie Obioma wieder aus meinem Bücherregal gezogen habe.

Ich habe dieses Buch vor einigen Jahren gelesen. Und es ist eines dieser Bücher, von denen nicht unbedingt jede Einzelheit bleibt – aber ein Gefühl. Eine Unruhe. Etwas, das sich beim Lesen festsetzt.

Obioma erzählt von vier Brüdern in Nigeria.

Als ihr Vater für längere Zeit nicht zu Hause ist, beginnen sie an einem Fluss zu fischen. Dort begegnen sie einem Mann, der einem der Brüder ein schweres Schicksal voraussagt.

Es ist zunächst nur ein Satz.

Und doch beginnt dieser Satz, sich zwischen die Brüder zu schieben.

Was vorher selbstverständlich war, bekommt plötzlich einen Schatten. Angst und Misstrauen schleichen sich in etwas, das vorher Nähe war.

Die Zukunft ist noch gar nicht geschehen.

Und trotzdem beginnt sie bereits, die Gegenwart zu verändern.

Vielleicht hat mich genau das an diesem Buch so beschäftigt:

Wie mächtig eine Geschichte werden kann, sobald wir beginnen, an sie zu glauben.

Natürlich laufen die wenigsten von uns mit düsteren Prophezeiungen durch ihr Leben.

Aber vielleicht mit anderen Sätzen.

Sätzen darüber, wer wir sind.

Was wir können.

Was uns zusteht.

Und was für Menschen wie uns angeblich möglich ist – oder eben nicht.

Manche davon wurden uns direkt gesagt. Andere entstehen viel leiser.

In Familien zum Beispiel, in denen einer der Kluge ist, eine die Vernünftige und ein anderer eben der Schwierige.

Irgendwann braucht es niemanden mehr, der uns diese Geschichte erzählt.

Wir erzählen sie selbst weiter.

Und manchmal suchen wir sogar nach ihren Beweisen.

Wer sich für schwierig hält, erlebt einen Konflikt vielleicht nicht nur als etwas, das zwischen zwei Menschen geschieht, sondern als Bestätigung:

Siehst du. Mit mir stimmt etwas nicht.

Wer lange gehört hat, etwas nicht zu können, versucht es vielleicht irgendwann gar nicht mehr.

Und wer überzeugt ist, immer alles allein schaffen zu müssen, bemerkt womöglich kaum noch, wie selten er jemanden um Hilfe bittet.

Natürlich können wir uns nicht einfach eine schönere Geschichte über uns erzählen und alles wird gut.

Aber wir können neugierig werden auf die Geschichten, die wir über uns für wahr halten.

Und vielleicht zwei Dinge auseinanderhalten:

Was weiß ich wirklich über mich?

Und:

Was wurde mir irgendwann über mich erzählt?

Vielleicht ist das eine der interessanteren Aufgaben des Erwachsenwerdens.

Nicht vollkommen neu zu werden.

Sondern gelegentlich in den eigenen inneren Sätzen herumzustöbern und zu fragen:

Wer hat das eigentlich gesagt?

Und noch wichtiger:

Muss ich es weitererzählen?

Vielleicht nicht.

Herzlich
Stefanie

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