Es gibt das Leben, das wir leben.
Und dann gibt es noch die anderen.
Das Leben in der Stadt, in die wir nie gezogen sind.
Mit dem Menschen, bei dem wir nicht geblieben sind.
In dem Beruf, den wir beinahe gewählt hätten.
Mit der Reise, die wir immer machen wollten und irgendwann nicht mehr gemacht haben.
Manche dieser Leben verschwinden.
Andere laufen noch eine ganze Weile neben uns her.
Wie leise Parallelgeschichten.
Meistens bemerken wir sie kaum.
Bis manchmal ein Lied reicht. Ein Geruch. Ein Name auf einem Bildschirm.
Und plötzlich ist es wieder da:
das Leben, das auch unseres hätte sein können.
In der Psychotherapie begegnen mir diese ungelebten Leben immer wieder.
Oft versteckt in einem kleinen Satz:
Was wäre gewesen, wenn …?
Wenn ich gegangen wäre.
Wenn ich geblieben wäre.
Wenn ich mich getraut hätte.
Wenn ich früher gewusst hätte, was ich heute weiß.
Das Schwierige daran ist: Die ungelebten Leben haben einen kleinen unfairen Vorteil.
Sie mussten nie wirklich gelebt werden.
In ihnen gibt es keine müden Dienstagabende, keine falschen Entscheidungen und keine Menschen, die ihre Socken neben den Wäschekorb werfen.
Sie dürfen glänzen.
Das gelebte Leben muss sich dagegen mit der Wirklichkeit herumschlagen.
Vielleicht sollten wir deshalb vorsichtig sein mit dem Gedanken:
Dort wäre ich glücklicher gewesen.
Wir wissen es nicht.
Wer bleibt, erfährt nicht, was beim Gehen passiert wäre. Wer geht, weiß nicht, wie es gewesen wäre zu bleiben.
Unser Leben kommt leider ohne Vergleichsversion.
Und trotzdem glaube ich, dass es sich lohnt, den ungelebten Leben zuzuhören.
Nicht, weil wir ihnen hinterherlaufen sollten.
Sondern weil in ihnen manchmal etwas steckt, das uns heute noch etwas sagen möchte.
Vielleicht vermissen wir gar nicht die Stadt, in die wir nie gezogen sind – sondern Abenteuer.
Nicht den Beruf, den wir nicht gewählt haben – sondern Gestaltung oder Freiheit.
Nicht einmal unbedingt den Menschen von damals – sondern ein Gefühl, das wir mit ihm verbunden haben.
Und dann verändert sich die Frage.
Aus:
Was wäre gewesen, wenn?
wird:
Was davon fehlt mir heute?
Vielleicht ist das der versöhnlichere Umgang mit den Leben, die wir nicht gelebt haben.
Wir müssen nicht zurückgehen und eine alte Abzweigung suchen.
Aber wir können schauen, ob etwas von dem, wonach wir uns damals gesehnt haben, heute noch einen Platz in unserem Leben bekommen darf.
Denn man kann sein Leben lieben und trotzdem manchmal um ein anderes trauern.
Das eine macht das andere nicht weniger wahr.
Und manche Türen sind tatsächlich geschlossen.
Andere warten vielleicht nur darauf, dass wir noch einmal die den Türgriff in die Hand nehmen.
Herzlich
Stefanie
PS: Wenn du neu hier bist: Lebenszeichen erscheint jeden Sonntag. Ich schreibe über das Leben, die Liebe und die Psyche. Wenn du jemanden kennst, dem diese Gedanken gefallen könnten, darfst du diesen Newsletter sehr gerne weiterleiten.

