Es gibt Müdigkeit, die nach einer guten Nacht verschwunden ist.
Und es gibt diese andere.
Man schläft. Man hat vielleicht sogar ein Wochenende frei. Man fährt ein paar Tage weg, nimmt sich vor, endlich einmal nichts zu tun.
Und trotzdem kommt man nicht richtig zurück.
Der Körper sitzt auf dem Sofa.
Der Kopf arbeitet weiter.
In meiner Arbeit als Psychiaterin und Psychotherapeutin begegne ich immer wieder Menschen, die erst spät erkennen, wie lange sie eigentlich schon über ihre Grenzen gegangen sind.
Oft hat es Monate vorher begonnen.
Der Schlaf wird schlechter. Man wacht nachts auf und denkt an die Arbeit. Die Konzentration lässt nach. Entscheidungen fallen schwerer. Man wird vergesslicher und reizbarer. Geräusche, Fragen oder Anforderungen, die früher kaum gestört haben, werden plötzlich zu viel.
Und irgendwann gesellt sich zu der Müdigkeit etwas anderes:
Distanz.
Zur Arbeit. Zu den Menschen dort. Manchmal auch zu sich selbst.
Was einmal wichtig war, wird gleichgültiger. Aus Engagement wird innerer Rückzug. Aus Ich mache das gern wird Ich muss da irgendwie durch.
Was ist eigentlich ein Burnout?
Der Begriff wird inzwischen sehr großzügig verwendet. Medizinisch ist er aber enger gefasst.
Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt Burnout in der ICD-11 nicht als eigenständige psychische Erkrankung, sondern als Folge von chronischem Stress am Arbeitsplatz, der nicht erfolgreich bewältigt werden konnte.
Dabei stehen drei Bereiche im Vordergrund:
Erschöpfung – das Gefühl, körperlich und emotional keine Reserven mehr zu haben.
Zunehmende innere Distanz zur Arbeit – häufig verbunden mit Negativismus oder Zynismus.
Nachlassende berufliche Leistungsfähigkeit – Konzentration, Belastbarkeit und das Gefühl der eigenen Wirksamkeit nehmen ab.
Dazu können weitere Beschwerden kommen: Schlafstörungen, innere Unruhe, Reizbarkeit, Kopf- oder Rückenschmerzen, muskuläre Verspannungen, Magen-Darm-Beschwerden oder das Gefühl, auch in der Freizeit nicht mehr richtig abschalten zu können.
Und häufig passiert etwas ausgesprochen Ungünstiges:
Wir beantworten nachlassende Kraft mit noch mehr Anstrengung.
Wir organisieren besser. Arbeiten länger. Werden effizienter.
Und streichen als Erstes die Dinge, die scheinbar verzichtbar sind:
Sport.
Freunde.
Das Buch auf dem Nachttisch.
Den Abend, an dem einmal gar nichts passieren sollte.
Ausgerechnet das, was uns Kraft zurückgeben könnte, verschwindet zuerst.
Burnout oder Depression?
Diese Unterscheidung ist wichtig, denn die Begriffe werden häufig durcheinandergebracht.
Bei einem Burnout stehen die Beschwerden definitionsgemäß im Zusammenhang mit der Arbeit.
Eine Depression greift dagegen typischerweise weiter in das Leben hinein. Niedergeschlagenheit, Interessen- und Freudverlust und verminderter Antrieb können sich durch nahezu alle Lebensbereiche ziehen. Hinzukommen können Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Schuld- oder Wertlosigkeitsgefühle, Veränderungen von Appetit und Gewicht, Hoffnungslosigkeit und bei schweren Depressionen auch Suizidgedanken.
Und die Grenze ist nicht immer messerscharf.
Ein Mensch mit Burnout kann zusätzlich eine Depression entwickeln. Und jemand mit einer Depression kann seine Beschwerden zunächst für berufliche Erschöpfung halten.
Auch körperliche Erkrankungen können hinter ausgeprägter Müdigkeit und Erschöpfung stehen.
Deshalb gehört eine länger anhaltende oder zunehmende Erschöpfung nicht einfach selbst diagnostiziert, sondern ärztlich abgeklärt.
Und was macht chronischer Stress mit uns?
Unser Körper ist für Stress erstaunlich gut ausgerüstet.
Kurzfristig ist die Stressreaktion sogar ausgesprochen sinnvoll: Das sympathische Nervensystem wird aktiviert, Stresshormone werden ausgeschüttet, Herzschlag und Aufmerksamkeit verändern sich, Energie wird mobilisiert.
Wir können reagieren.
Problematisch wird nicht die einzelne stressige Woche.
Problematisch wird es, wenn auf Aktivierung zu wenig wirkliche Regeneration folgt.
Wenn der Körper zur Ruhe kommt, der Kopf aber weiterarbeitet.
Wenn der Sonntag schon vom Montag besetzt ist.
Wenn selbst Freizeit zu etwas wird, das man noch effizient nutzen möchte.
Viele Menschen können im Rückblick ziemlich genau sagen, wann etwas begonnen hat, sich zu verändern.
Eigentlich schlafe ich schon seit Monaten schlecht.
Eigentlich merke ich schon lange, dass ich gereizter bin.
Eigentlich wollte ich schon vor Wochen etwas ändern.
Ich finde dieses kleine Wort eigentlich interessant.
Weil häufig schon ziemlich viel Wissen darin steckt.
Vielleicht beginnt ein guter Umgang mit Erschöpfung deshalb nicht erst mit der großen Auszeit.
Sondern viel früher damit, die eigenen Signale nicht immer wieder wegzuverhandeln.
Nicht jeder müde Morgen ist ein Warnsignal.
Nicht jede anstrengende Phase macht krank.
Aber wenn wir über längere Zeit mehr Kraft ausgeben, als wir zurückbekommen, lohnt sich eine andere Frage als:
Wie schaffe ich das alles noch ein bisschen besser?
Nämlich:
Was kostet mich schon seit längerer Zeit mehr Kraft, als ich zurückbekomme?
Manchmal kennen wir die Antwort längst.
Herzlich
Stefanie
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